Die vergessene Burg


An einigen Stellen im Ortsbild von Niederdollendorf blieb der Name erhalten. Eine Straße erinnert an sie, für die Grundschule stand sie Pate und selbst eine Haltestelle der Stadtbahn ist nach ihr benannt. Nicht zu übersehen ist ein barockes Wegekreuz. Doch wer außer den alten Niederdollendorfern kann sich noch an das adelige Haus Longenburg erinnern? Ende 1962 musste das einst schmucke Burghaus neuen Fabrikhallen für die Lemmerz-Werke weichen. Eines der bedeutendsten Baudenkmäler Niederdollendorfs wurde von den Lokalpolitikern kurzsichtig wirtschaftlichen Interessen geopfert.

Longenburg von Südosten
Die Longenburg - Bergseite - Mittelbau und Türme mit Eingang von Südosten

Erstmals taucht der Name »Lunenburg« in einer Urkunde vom 6. November 1275 auf. Der Abt von St. Martin in Trier forderte den Archipresbyter zu Kaiserswerth auf, den »Winandus clericus de Lunenburg« und seinen Genossen Gottfried von Friesem anzuhalten, den von den Deutschordenshäusern erpressten Zoll zurückzugeben. Seiner Lage am Fuße des »Langenbergs«, einem langgestreckten Bergrücken zwischen Rheintal und Petersberg, verdankte der Hof seinen Namen. Das Gut gehörte zu den sieben Freihöfen des Kirchspiels Niederdollendorf. Ein eigenes Hofgedinge mit Schultheiß und sechs Geschworenen, den Anerben, tagte dreimal jährlich im Baumgarten des Bonner Propst-Hofes an der Pfarrkirche St. Michael.

Einen der Geschworenen entsandte der »Hoff zu Longenberg«. Als erster urkundlich nachweisbarer Besitzer des Hofes »zo Lunenberch« und der umliegenden Weinberge gilt 1407 der Ritter Godart van Lomer (Lohmar). Ab dem 17. Jahrhundert lässt sich die Geschichte der Longenburg lückenlos verfolgen. Im November 1638 belehnte der Bonner Propst den kurkölnischen Rat Johannes Palant mit dem Anwesen. Durch Vererbung kam es 1688 an die kurkölnische Beamtenfamilie Achatius, die 1687 in den Reichs-Adelsstand erhoben wurde. Von den 1689 das Rheinland plündernd und brandschatzend durchziehenden Soldatenhorden des Sonnenkönigs Ludwig XIV. blieben die Menschen am Siebengebirge nicht verschont. So sank auch die Longenburg in Schutt und Asche.

Longenburg - Westseite
Blick in den Hof der Longenburg von Westen mit ehemaliger Brücke

Johann Sigismund von Achatius nahm im November 1698 den Wiederaufbau der Ruinen in Angriff. Etwa zur gleichen Zeit entstand das Wegekreuz an der Bergstraße, das dem Haupteingang der Burg gegenüber lag. Der Fuß dieses Kreuzes trägt des Ehewappen Achatius-Pelser. Bis 1762 blieb die Longenburg im Besitz der Familie von Achatius. Nun wechselten die Besitzer in kurzen Intervallen. Auf den kurpfälzischen Hofkammerrat Johann Jacob Beuth folgten der pfalzjülich-bergische Hofrat Johann Wilhelm Bewer zu Düsseldorf und der kurkölnische Kammerherr Franz Joseph Baron de Ayx. Durch die Säkularisation 1803 kam das vormals geistliche Lehen dann in den freien Besitz der Freiherren von Ayx.

Einen neuen Aufschwung nahm das Gut ab 1809 unter der Führung des neuen Eigentümers Jacob Daniel von Weise. Von 1815 bis 1844 bekleidete er das Amt des ersten Bürgermeisters der preußischen Bürgermeisterei Oberkassel. Somit diente das Haus Longenberg während dieser Zeit auch als Amtssitz. Nach seinem Tod 1849 kam das Haus an einen Herrn Custodis ehe 1869 Rittmeister a. D. Reichsfreiherr Friedrich von Loë ein neues Eigentümerkapitel aufschlug. Mit erheblichen Mitteln ließ von Loë Haus und Hof gründlich renovieren. Seit 1888 schmückte den Südflügel ein großer neugotischer Ahnensaal. Ein Reskript des Papstes Pius IX. gestattete den Gottesdienst in der Hauskapelle, die sich bis 1944 im nördlichen Eckturm befand. Nach den Erweiterungsbauten bürgerte sich wahrscheinlich aufgrund des wasserburgartigen Charakters der Name Longenburg statt -berg ein. Als Friedrich von Loë 1907 starb, erbte sein Sohn Clemens, ehemaliger Ehrenbürgermeister des Amtes Oberkassel, Güter in Pont und Straelen. Die Longenburg fiel an die Tochter Anna, verheiratet mit dem Freiherrn Adolph von Dalwigh zu Lichtenfels.

In den Zwanziger Jahren verschwand der die Burg umschließende Wassergraben. Adolph von Dalwigh wurde noch im Kaiserreich Regierungspräsident von Aachen. Im Dezember 1924 verstarb er nach einem Schlaganfall auf der Longenburg. Keines seiner zehn Kinder trat das elterliche Erbe in Niederdollendorf an.

Beerdigung des Adolph von Dalwigh - 1924
Beerdigung des Adolph von Dalwigh - 1924

So kam das Anwesen 1936 in den Besitz des Reichsgrafen Johannes von Kesselstatt und seiner überaus wohlhabenden Gemahlin Johanna, geborene Reichsgräfin von Hahn. Das Burghaus und die Wirtschaftsgebäude wurden umfassend modernisiert. Die gräfliche Familie pflegte einen engen Kontakt zu der Niederdollendorfer Bevölkerung. Graf Kesselstatt wurde sogar Ehrenmitglied der St. Sebastianus-Junggesellen-Bruderschaft.

Bei dem furchtbaren Fliegerangriff auf Königswinter und Dollendorf am frühen Abend des 22. April 1944 schlugen drei schwere Sprengbomben im unmittelbaren Bereich der Longenburg ein. Zwei mächtige Erdtrichter südlich neben der Burg und östlich im Parkgelände wären zu verschmerzen gewesen. Die dritte Bombe jedoch schlug schräg dicht vor dem Nordturm ein. Die gewaltige Druckwelle hob den Gebäudeteil aus den Fundamenten und ließ ihn in sich zusammenfallen. In den Trümmern starben Gräfin Johanna und die beiden jüngeren Söhne Claus-Peter und Franz Edmund, noch keine 10 Jahre alt.

Das Jahrbuch der rheinischen Denkmalpflege von 1951 berichtete zur Longenburg: »Zweigeschossiges verputztes Herrenhaus mit abgewalmtem Dach. An den äußeren Ecken zwei Rundtürme mit welschen Hauben. Im Kern 2. Hälfte des 16. Jahrh. … Durch Bombenvolltreffer der nordöstliche Turm völlig zerstört. Die NO-Ecke des Herrenhauses gänzlich aufgerissen. Decken und Dach über diesem Teil zerstört. Die Dachdeckung des übrigen Herrenhausdaches zerstört. … Die aufgerissene Nordseite des Hauses ist durch eine Interimsmauer geschlossen. Das Dach instandgesetzt und mit Pappe gedeckt. Die Haube des SO-Turmes ebenfalls mit Pappe abgedeckt.«

Longenburg - Ostseite
Longenburg um 1935 - im Hintergrund die Kiesgrube "Im Tönnienfeld"

1952 erwarben die Königswinterer Lemmerz-Werke das gesamte Anwesen. Vier Jahre später entstand die erste Werkshalle in nächster Nähe der Burg. 1959 mussten die Wirtschaftsgebäude und Stallungen einer weiteren Fabrikhalle weichen. Im April 1962 fiel der alte Rittersaal der Spitzhacke zum Opfer ehe dann bis Ende November auch die letzten Reste des Herrenhauses dem Erdboden gleichgemacht wurden. Damit gehörte das adelige Haus Longenburg der Geschichte an.

Nicht wenige Niederdollendorfer trauern noch heute dem bedeutenden örtlichen Baudenkmal nach. Manch ein Erinnerungsstück und viele Bilder aus der Geschichte der Longenburg bewahren die Heimatfreunde Niederdollendorf in ihrer mit viel ehrenamtlichem Engagement eingerichteten Heimatstube auf.


PDF Icon Dokument
als PDF
herunterladen