Spurensuche – Am Anfang steht nur ein Name

Chronologie einer Recherche

Von Dominik Schäfer, Niederdollendorf
Für die Kirmes-Festschrift 2026 der St. Sebastianus-Junggesellen-Bruderschaft Niederdollendorf entstand diese dokumentarische Podcast-Erzählung.
Sie nimmt den Leser mit auf eine spannende Spurensuche nach Jakob Spindler, dem ersten gefallenen Mitglied unserer Bruderschaft im Zweiten Weltkrieg und erzählt, wie aus einem Namen im alten Bruderbuch Stück für Stück ein Mensch mit einer bewegenden Geschichte wurde.

Ich blättere durch das digitale Bruderbuch unserer Bruderschaft. Alte Texte, Jahr für Jahr festgehalten, was war. Und dann bleibe ich hängen. August 1941.

„Am 21. August fiel in den Kämpfen an der Düna (Baltikum) unser Mitbruder JAKOB SPINDLER, Feldwebel in einer Pionierabteilung. Er war das erste Opfer aus unserer Reihe, welches der Krieg von uns forderte. Seit dem Jahre 1933 war er ein treues Mitglied unserer Bruderschaft.“

Ein Satz. Ein Name. Mehr nicht. Und doch merkt man sofort: Das war kein normaler Eintrag. Das war ein Einschnitt.

Beim Weiterlesen wird klar, wie die Bruderschaft damals damit umging:

„Es wurde beschlossen, daß sich alle Brüder am Requiem am 15. September unseres gefallenen Mitbruders JAKOB SPINDLER beteiligen sollen. Die Versammlung ehrte den gefallenen Mitbruder durch Erheben von den Plätzen. Die Fähnriche nehmen mit ihren Fahnen auf dem Chor Aufstellung, die beiden anderen Fahnen werden ausgehängt, die Bruderschaftskerze angezündet und der Brudermeister geht wie üblich beim Opfergang als erster vor den Angehörigen. Diese Regelung soll bei derartigen Anlässen beibehalten werden […].“

Und weiter:

„Am Sonntag, den 14. September, wurde seitens der Bruderschaft die Frühmesse für die Seelenruhe unseres Mitbruders JAKOB SPINDLER gelesen, an der sich die Brüder restlos beteiligten.“

Hier fehlt keiner so einfach. Hier fehlt einer von ihnen.

Ich sitze davor und merke: Ich weiß nichts über diesen Menschen. Kein Gesicht, keine Geschichte. Nur, dass er 1933 eingetreten ist. Acht Jahre später ist er tot. - Das reicht mir nicht.

Ich beginne zu suchen. Internet, Datenbanken, Gefallenenlisten. Nichts, was wirklich passt. Also gehe ich raus zum Friedhof Niederdollendorf. Vielleicht liegt er hier?!

Ich gehe die Reihen ab. Kein Jakob Spindler.

Grabstein des Peter Spindler
Grabstein des Peter Spindler

Nur ein Name bleibt hängen: Peter Spindler, gefallen 1914 im Ersten Weltkrieg. Ich nehme es zur Kenntnis und gehe weiter. Zu diesem Zeitpunkt ist es nur ein Zufall.

Ich gehe in die Turmkapelle unserer Kirche. Ich bin mir sicher, irgendwo muss eine Tafel mit Namen hängen.

Ich suche alles ab. Nichts.

Nur eine Platte mit Worten an der Wand:

„[…] Wir vergessen nicht die Gefallenen der Weltkriege und die Vermissten, Vertriebenen und Verfolgten.“

Gedenktafel für die Opfer der Weltkriege
Gedenktafel für die Opfer der Weltkriege

Starke Worte. Aber wieder keine Namen. Langsam wird klar: Diese Suche wird kein Selbstläufer.

Ich schreibe an Archive, an Heimatvereine, an das Siebengebirgsmuseum. Von dort kommt der Hinweis auf das Stadtarchiv Königswinter. Ich frage an, warte und bekomme schließlich eine Sterbeurkunde. Ich öffne sie und kann sie nicht lesen, - Sütterlin.

Ich frage meinen Vater, meine Schwiegermutter und Schwiegeroma. Alle müssen passen. Also gebe ich die Urkunde weiter, an Menschen im Internet, die sich damit auskennen.

Und dann passiert etwas, was sich durch die ganze Recherche zieht: Fremde helfen. Die Urkunde wird entziffert:

Sterbeurkunde des Jakob Spindler
"Der Feldwebel, Schlosser Jakob Spindler, katholisch, wohnhaft in Niederdollendorf, Godesberger Straße 6, ist am 22. August 1941 in Schinkino (Ostfront) gefallen. Die genaue Todeszeit ist nicht bekannt.
Der Verstorbene war geboren am 2. Oktober 1914 in Niederdollendorf.
Standesamt Oberkassel, Register-Nr. 127 / 1914.
Vater: Peter Spindler, Fabrikarbeiter, zuletzt wohnhaft in Niederdollendorf.
Mutter: Sibylla Mattei, verwitwete Spindler, geborene Sieger, wohnhaft in Niederdollendorf.
Der Verstorbene war nicht verheiratet.
Eingetragen auf schriftliche Anzeige der Wehrmachtsauskunftsstelle für Kriegerverluste und Kriegsgefangene vom 3. November 1941.
Der Beruf und die Religion des Verstorbenen, Standesamt und Nr. des Geburtseintrags, der Name, Beruf und letzte Wohnort des Vaters, der Name und Wohnort der Mutter, sowie der Familienstand des Verstorbenen sind auf Grund der Ermittlungen des Standesbeamten eingetragen.

Todesursache: gefallen.
Der Standesbeamte: in Vertretung "

Zum ersten Mal habe ich Fakten und sofort das nächste Problem: Wo liegt Schinkino?

Ich suche. Stundenlang. Tage. Ich probiere verschiedene Schreibweisen, gleiche Karten ab, vergleiche Frontverläufe. Ich finde Orte – aber keiner passt. Manche liegen viel zu weit weg, andere ergeben historisch keinen Sinn. Für einen Moment kommt sogar der Gedanke auf, ob er vielleicht in Gefangenschaft geraten ist. Aber nichts davon lässt sich belegen. Die Spur verläuft im Sand.

Tür der Sakristei Abstellraum
Recherche in der Kirche

Währenddessen lässt mich eine andere Erinnerung nicht los. Diese Gefallenentafel. Ich weiß, dass es sie gibt. Gemeinsam mit Guido Waßmuth gehe ich in die Sakristei links durch eine Holztür, eine enge Treppe hinauf, Stufe für Stufe. Oben ein kleiner Raum, den man kennt, aber nie wirklich wahrnimmt.

Und dann sehe ich sie. Hinten in der Ecke, abgestellt.

„Unseren lieben Toten in treuem Gedenken (1939–1945)“

Gefallenentafel Bild 1
Gefallenentafel Bild 2
Die Gefallenentafel

Ich gehe näher. Linke Spalte. Vierter Name, - Spindler Jakob.

Er war die ganze Zeit da. Nur nicht sichtbar. Das bestätigt eines: Er gehört hierhin. Er war einer von uns. Aber wo ist er gefallen?

Beim Blättern im alten Mitgliederverzeichnis erkenne ich seinen Namen. Laufende Mitgliedsnummer: 1224. Dahinter ein knapper Vermerk: gefallen am 22.08.1941.

Mitgliederverzeichnis
Mitgliederverzeichnis

Ich gehe einen anderen Weg. Ein Aufruf in sozialen Medien. Und plötzlich kommt Bewegung rein. Nachrichten, Hinweise, Karten.

Und dann: eine Karteikarte der Wehrmachtsauskunftstelle.

Karteikarte
Dort steht:

Spindler Jakob
2.10.1941 Niederdollendorf
1./Infanterie-Regiment 26.
Feldwebel.
Gefallen am 22.08.1941.
Schinkino / Ostfront
Gefallen: Kopfschuss.

Und dazu eine alte Karte und Koordinaten: 56°03’27.0“N, 31°30’38.7“E

Und auf einmal ist der Ort da: Schinkino/ heute: Shinkovo.

Karte Schinkino
Schinkino (Shinkovo) an der Düna

Ein kleines Dorf in Russland. Heute kaum noch zu erkennen. Auf aktuellen Karten wirkt es, als hätte es nie existiert. Nur Wald, Wiesen, keine Spuren eines Dorfes. Aber auf alten Karten ist es klar zu sehen.
Und entscheidend: Es liegt direkt an der Düna.

Plötzlich passt alles. Der Eintrag im Bruderbuch war nie falsch, nur etwas ungenau. Die Düna beschreibt den Raum. Shinkovo ist der konkrete Ort. Jakob war dort, im Sommer 1941, mit seiner Einheit auf dem Vormarsch Richtung Osten. Und dann, am 22. August, ein Kopfschuss. Ein Moment. Mehr nicht.

Parallel dazu klärt sich auch eine andere Spur. In alten Adressbüchern taucht Jakob unter der Godesberger Straße 4 auf, obwohl in er in der Sterbeurkunde unter der Nummer 6 registriert wurde. Kurz wirkt es wie ein Widerspruch. Hat er den Wohnort gewechselt? Stimmt etwas nicht? Erst durch den Vergleich mehrerer Einträge durch den Heimatverein Siebengebirge wird klar: Die Straße wurde voraussichtlich umnummeriert. Dieselben Bewohner, neue Hausnummern.

Adressbucheintrag mit Jakob Spindler
Adressbucheintrag Jakob Spindler

Und dann kommt die Information vom Heimatverein Oberdollendorf, die vieles verändert:

Jakob Spindler ist der Sohn von Peter Spindler.
Dem Peter Spindler, dessen Grab ich ganz am Anfang gesehen habe. Und dann folgt ein Detail, das man nicht mehr vergisst: Sein Vater stirbt am 10. Oktober 1914 im Lazarett in Linz/Rh. an den Folgen der Marne-Schlacht. Acht Tage nach Jakobs Geburt.

Und es hört nicht auf:

Jakob hatte Geschwister. Zwei Kinder Sibilla (*1904) und Caspar (*1908), die nur 2 Jahre und 1 Jahr alt wurden. Er ist der Einzige, der erwachsen wird. Wächst auf ohne Vater. Tritt 1933 in die Bruderschaft ein. Steht vermutlich mit denselben Jungs zusammen, mit denen man feiert, lacht, durch die Straßen zieht. Und acht Jahre später ist er weg.

Ich gehe weiteren Spuren nach: Eine mögliche Verwandtschaft zu anderen Spindler-Familien (Königswinter). Ein Grab von Maria Spindler in Niederdollendorf, welches jedoch vor einiger Zeit entfernt wurde. Hinweise, Gespräche, Telefonate. Alles wird geprüft. Und wieder verworfen.

Am Ende bleibt das, was sich belegen lässt:

Hier beginnt alles, in der Godesberger Straße 4 bzw. 6 in Niederdollendorf
Hier wird Jakob Spindler am 2. Oktober 1914 geboren.
Acht Tage später stirbt sein Vater.
1933 tritt er als 1224. Mitglied in die Bruderschaft ein.
Er wird Feldwebel im Infanterie-Regiment 26.
Seine Einheit zieht 1941 an die Ostfront, über Polen bis an die Düna.
Und dort, im Raum Shinkovo, fällt er am 22. August 1941. - Ein Kopfschuss.
Godesberger Straße 6

Eine lange Reise von Niederdollendorf bis nach Russland. Und lange Zeit nichts weiter.

Bis heute.

Heute ist er mehr als ein Name. Heute hat dieser Name wieder einen Ort. Eine Familie. Eine Geschichte. Und heute kennen wir seinen Namen.

Und vielleicht ist genau das das Beeindruckendste an dieser Spurensuche, dass so viele Menschen geholfen haben. Aus Archiven, aus Heimatvereinen, aus dem privaten Umfeld.

Diese Recherche steht nicht nur für Jakob Spindler allein. Sie steht stellvertretend für all die Junggesellen und Bewohner aus Niederdollendorf, die in den Weltkriegen ihr Leben verloren haben. Seine Geschichte liegt heute fast genau 85 Jahre zurück – und doch ist sie näher, als man denkt.

Von den Junggesellen Niederdollendorf sind gefallen:

Mathias Schoroth
Hermann Frembgen
Heinz Felder
Josef Stauff
Peter Wirz
Jakob Spindler
Konrad Bracht II
Peter Sens
Hans Frembgen

Diese Namen sind die Namen aus unseren eigenen Reihen. Genau deshalb geht es hier nicht nur um Vergangenheit. Sondern darum, sich bewusst zu machen, was es bedeutet hätte, damals an ihrer Stelle zu stehen.

Jeder einzelne Hinweis hat dazu beigetragen, aus einem Namen eine Geschichte zu machen.

- Und genau darum ging es!


Quellen: Stadtarchiv, Heimatarchive, Internet, persönliche Gespräche