Ein paar Stücke vergessene Heimatgeschichte aufgezeichnet von Heinz-Friedrich Berswordt
Vom Sommersitz „Auf der Weinschule” zum Eisenbahner-Erholungsheim
"Es mag manches in unserem Kopfe sein, was nicht wir, sondern unsere Ahnen hineingetragen haben."P. Rosegger (steirischer Bauernschriftsteller)
Gewiß zählte das kleine Gut „Auf der Weinschule” nicht zu den alten Anwesen in der Gemeinde Niederdollendorf. Keine Chronik berichtet von ihm. Daß es erst in jüngerer Zeit, — vermutlich im 18. Jahrhundert — entstand, mag auch seine Lage in einigem Abstand von der alten Bausubstanz des Dorfes beweisen. Es war südlich von Brederhof und Propsthof kurz vor der westlichen Einmündung der heutigen Schönsitzstraße, unmittelbar an der Hauptstraße - vormals Lohfelder Straße - gelegen.
Noch bis über die Grenze zu unserem Jahrhundert war der Flurbereich der Flachten, um das vormalige Gütchen herum, mit Wein bestanden. Hier, inmitten oder unmittelbar gegenüber einer Weinschule, einer Pfropfrebenanlage also, wird das Anwesen entstanden sein. Die preußischen Urkatasterkarten Niederdollendorfs, die 1826 angelegt wurden, zeigen im Flurbereich „In den Flachten” die Grundrisse des Gutsgebäudes in der Parzelle Nr. 786 (später 1483) und den rheinwärts angrenzenden Hof- und Gartenraum unter den Nummern 751 und 785. Der Flurname selbst ist schlichthin eine Beschreibung der topographischen Vorgegebenheiten hier, eines flach zum Rheinstrom abfallenden Geländebereiches. Im Volksmund hieß es dann auch richtig (bevor die hochdeutsche Verfälschung alten Sprachgutes einsetzte) „En de Flaachte”.
Der westwärts an der Lohfelder Straße gelegene Gebäudekomplex des Weinschulen-Gutes hatte nach dem Urkatasterplan eine rechteckige, nordsüdlich ausgerichtete Grundrißform mit rechteckigem, umbauten Innenhof. Ist das älteste in Niederdollendorf nachweisbare Ziegelstein-Mauerwerk, die Nordhälfte des Brederhofes (die erst in den letzten Jahrzehnten eingebürgerte Lesart „Bredershof” findet sich nicht in alten Urkunden und widerspricht dem Sprachempfinden der Eingesessenen, die ihn „Breddehoff” nannten), errichtet von der Erbengemeinschaft v. Weiler (v. Berswordt und v. Sandt), auf das Jahr 1791 zu datieren, so darf davon ausgegangen werden, daß es sich im Weinschulengut noch um eine Fachwerkanlage gehandelt hat.
Das Gebiet der Flachten, zwischen Lohfelder Straße, dem sandig-flachen Rheinufer, dem Propstgäßchen am Brederhof und der heutigen Schönsitzstraße, war äußerst kleinparzellig aufgeteilt. In der Aufzählung der Landbesitzer von 1826 geben sich fast alle alten Niederdollendorfer Familiennamen ein Stelldichein. Da erscheinen die Bröhl, Hoitz, Sülzen, Käufer, Frembgen, Wirz, Schwingen, Heck, Krahe und Bonn. Als einzig Neuer im Ort - seit 1792 - erscheint der westfälische v. Bersword(t).
Als Besitzer des Gutsanwesens selbst erscheint „von Eck, Wittiben zu Cöln”, richtiger „Witwe v. Heck zu Cöln”. Eine Flurkarte von 1869 zeigt das Weinschulengut - von zeichnerischen Freiheiten abgesehen - in alten Grundrißformen. Jetzt erscheint dorfeinwärts in geringem Abstand das spätere Anwesen Rösing im Plan (Parzelle 776, später 1821). Um die Entstehung des Gutes „Auf der Weinschule” liegt die Vermutung nahe, daß es von der Kölner Familie v. Heck zu einer Zeit begründet wurde, als es für Wohlhabende schicklich wurde, am romantischen Siebengebirge einen Sommersitz einzurichten oder zu erwerben. So erinnert der Name „Schönsitz” an einen Landsitz „Haus Schönsitz”, der südöstlich am oberen Ausgang der heutigen Schönsitzstraße lag. Über seine Geschichte ist noch wenig bekannt. Zur Mitte des letzten Jahrhunderts war er im Besitz eines Peter Ayx - „filius illegitimus” des Baron d’Ayx zu Longenburg. 1847 erscheint dieser Peter Ayx - er nennt sich auch „von Ayx” als Gemeindevorsteher zu Niederdollendorf (SAD/L). Das Repertorium des Notars Reichers in Königswinter nennt noch für 1858 den Geheimen Regierungsrat Carl Thomas August v. Reiman als Rentner auf Haus Schönsitz bei Niederdollendorf (SAD/N). Ein Jahr später, 1859, war der Besitz in Händen des Kölner Kaufmanns Robert Peill, der von nun an die Sommermonate mit seiner Familie hier verbrachte. Die Peill haben dann - auch ausweislich des Wappens über dem Haupteingang - gegen Ende des 19. Jahrhunderts die heutige Villa Haus Schönsitz (Hauptstraße 164) erbaut. (Geschichte der Fam. Peill, Strutz, 1927).
Das Rösing’sche Haus, das 1983 niedergelegt wurde, gelangte nach Auskunft der Familie im Juli 1863 vom vermutlichen Erbauer, dem Königswinterer Bauunternehmer Hönscheid, an den Geheimen Justizrath Friedrich v. Ammon, der Präsident des Kölner Apellationsgerichtes war. Ammon gestaltete das zuvor als Gaststätte genutzte Gebäude zum Sommeraufenthalt für seine Familie um. In der Erbfolge ge- langte das Anwesen schließlich an die Familie des Fritz Rö- sing, dessen militärischer Dienstgrad seiner Familie bei den Dollendorfern das „Markenzeichen” „de Majorsch” einbrachte.
Unten rechts die Villa "von Ammon-Rösing" (1484) und die "Weinschule" (1483)
Auch der in der Geschichte Niederdollendorfs tief verwurzelte Brederhof diente im 18. Jahrhundert einer rheinischen Familie v. Kügelgen, dann der Kölner Ratsfamilie v. Weiler als Sommeraufenthalt. Er gelangte 1792 durch Auswürfeln zwischen den Weiler-Erben an den kurkölnischen geheimen Staatsreferendarius Frhrn. Joseph v. Berswordt zu Bonn. Dessen Witwe - zeitweilig auch Besitzerin der Godesberger Redoute - nutzte das Haus noch als Sommeraufenthalt. Sohn Stephan nahm es dann als Wohnsitz. (Tochter der Familie, Sophia, war 1810 erste Königin der Niederdollendorfer Sebastianer).
Schließlich entstand um das Jahr 1850 fast unmittelbar gegenüber dem Weinschulengut unter einer Familie Pilgrim das „Haus Petersthal”. Der in den Jahren 1992-94 renovierte Bau zeichnet sich durch eine frühklassizistische Stilgebung besonders aus. Seit 1885 befindet er sich ununterbrochen im Besitz der Familie des westfälischen Kaufmanns Gottfried Sträter. Unter dem Sträterschen Hause fanden sich jüngst drei verschieden hoch gelegene und aus unterschiedlichen Baustoffen errichtete Kellerräume, die offenbar z. T. älter sind als die heutige Villa. Unter dem nördlich vorgelagerten sog. Gärtnerhaus entdeckte man gar Kellerfundamente, die von Sachkundigen derzeit als die ältesten im näheren Umkreis angesehen werden (Auskunft: K. A. Sträter). Der weite Park der Villa Sträter (Hauptstraße 149) grenzt südlich an die neue Straße „Am Dornenkreuz”, und hier an oder in einen Bereich hinein, der in den alten Flurkarten den Namen „An der Weinschull” trägt.
2. TeilDie wesentlichen noch greifbaren Zeugnisse zur frühen Geschichte des Gutes „Auf der Weinschule” sind kirchlichen Charakters. Aus den genealogischen Sammlungen v. der Ketten (SAK) geht hervor, daß die Heck, ähnlich wie die Weiler auf dem Brederhof, seit dem 17. Jahrhundert nachweisbar zu den aufsteigenden Ratsgeschlechtern der Reichsstadt Köln zählten. So mag es naheliegend sein, daß die im reichsstädtischen Rat sitzenden beiden Familien auch auf ihren ländlichen Domizilien am Siebengebirge gesellschaftlichen Bezug pflegten. Nicht weniger sprechen die zugänglichen Quellen auch von der Tatsache, daß beide Familien gute Nachbarschaft zur eingesessenen Bevölkerung pflegten. So finden sich die v. Weiler in den Mitgliedslisten der St.-Antonius- Bruderschaft. Nach rheinisch-kölnischer Tradition waren sie ausdrücklich katholisch geprägt und brachten eine Reihe von Geistlichen hervor.
Die v. Heck auf dem Weinschulengut zeigten sich dann auch im 18. und 19. Jahrhundert als vorrangige Wohltäter der sehr armseligen Niederdollendorfer Michaelsgemeinde. Noch 1804, am 6. Juli, beklagte sich Pfarrer Komp: „Die Kirch ist neu auferbauet, 1799 wolete Tit.: Geheim Rath v. Sandt (Anmerkung: seit 1781 Schwiegersohn der v. Weiler auf dem Brederhof) noch eine Verschönerung anbringen, ist aber ohne das Werck zu vollenden abgereiset und so siehet unsere Kirch noch betrübt aus” (SAD, Akte Stift Vilich Nr. 15).
Der als erster auf dem Weinschulengut nachweisbare Besitzer war Johann Abraham v. Heck. In seinem Kölner Elternhaus war er das dritte von sechs Kindern. Vater war der Ratsherr Johann v. Heck, Mutter Maria-Elisabeth geborene Maurmans. Die Familie wohnte in der Stadtpfarrei Klein-St.-Peter. Johann Abraham v. Heck ehelichte am 19. Mai 1730 in der Tauf- und Heimatpfarrkirche seiner Braut, Klein-St.-Martin, Katharina Maria Theresia Horn. In den Ratslisten Kölns erscheint Johann Abraham v. Heck von 1738 bis 1759. Nach den Ratsprotokollen verstarb er am 1. April 1762.
Das Wappen v. Heck (18. Jahrhundert, Niederdollendorf). Photo aus genealog. Sammlung v. der Ketten, Bd. IIl. Stadtarchiv Köln. Siegel v. Heck/Horn, 1776, vom Heck-Testament. Stadtarchiv Köln. Das Heck’sche Familienwappen, typisch überladen wie die Neuschaffungen des Barock, ist quadriert. Es zeigt im ersten und vierten Viertel in Rot ein silbernes Zauntor, im zweiten und dritten Viertel in Gold drei grüne Kleeblätter. Als Helmzier erscheint ein aus einem roten, zinnengekrönten Turm herauswachsender gelbgewandeter Jüngling, der drei goldene Pfeile in der rechten Hand hält. Die Helmdecken sind rot und golden. Das Wappen der Familie Horn zeigt drei am Band hängende Waldhörner.
Ausweislich der Ketten’schen Genealogie war das Ehepaar Heck-Horn „improles”, also kinderlos. In einem Testament der Eheleute vom 21. Juli 1741 (SAK) heißt es: „Johan Abraham von Heck, vornehmer Rathsherr und fraw Catharina Theresia Horn, genannt von Heck Eheleuthe” bestimmen als letzten Willen „da nichts gewißeres als der todt, nichts ungewißeres als deßen stundt”, daß der Erststerbende dem Überlebenden auftrage, ihn in der Pfarrkirche St. Laurentius zu Köln standesgemäß beisetzen zu lassen. Nach dem Ableben beider sollte ein Jahrgedächtnis samt Lesemessen an der Stiftskirche St. Georg gelesen werden. Ihre „Patten und Göttgen” (Joot, Jöat = hier sind die Patenkinder gemeint) Abraham und Theresia Scholls bedachten sie mit Geld und Gegenstands- Erbschaft. Im Testament ist ferner ein Vetter Johann von Heck bedacht. Am 16. Oktober 1772, also zehn Jahre nach dem Tode ihres Ehemannes, testamentierte „Catharina Theresia Horns, verwittibte von Heck”: „Nachdem die schwachheit menschlichen geschlechts und wie bald auch unversehens der allmächtige den menschen von dieser welt abberufen thun”, daß sie nach dem Tode standesgemäß und nach katholischem Ritus in das Grab ihres Ehemannes in St. Laurentius beigesetzt werde. Sobald sollten je 50 hl. Messen bei drei Kölner Ordensniederlassungen und 100 hl. Messen in der St.-Laurentius-Pfarrkirche zu ihrer Seele Trost gelesen werden. Ein Kanonikus Zumpott hatte weitere 30, der Pfarrer an St. Petri 20 hl. Messen für sie zu lesen. Bei diesen Meß- Stiftungen gedachte sie auch der verstorbenen Angehörigen aus den Familien v. Heck, Horn und Mainon. Dem Kölner Waisenhaus vermachte sie 1200 Thaler mit der Bitte um Andachtsübungen seitens der Kinder. Zur Jahrgedächtnisfeier war jedem der Waisen „ein pint Wein und ein Weißbrötlein” zuzulegen. Das Testament erwähnt Hausbesitz in Bonn, ein Gut in Honnef und es spricht von einer eigenen Hauskapelle im Heck’schen Haus zu Köln.
Das Testament von 1741 setzte als Haupterben zwei Neffen des Johann Abraham v. Heck ein „beyde von Herrn Joseph von Heck seel. hinterlassene Söhne benentlich (= benannt) Joan von Heck und Joan Walter Joseph von Heck.” Im Testament ist nur kurz erwähnt, daß in der Pfarrkirche zu Niederdollendorf Messen zu lesen seien. Die Stiftung bestand zunächst aus zwei Messen. 1758 begründeten die v. Heck hier dann ein Hochamt, das jeden Donnerstag mit Gesang und sakramentalem Segen zu zelebrieren war. Ferner be stand an St. Michael die Verpflichtung zu einer Sonn- und Feiertags-Frühmesse im Gedächtnis an die v. Heck-Horn.
Diesen Stiftungen lag ein Kapital von 2500 Mark und ein Grundbesitz von ca. 46 Ar Ackerland und Weingarten zugrunde. Als Beitrag zu den Kultuskosten setzten die Eheleute Heck diesen Wohltaten noch eine Stiftung zum Unterhalt des Ewigen Lichtes vor dem Hochaltar des Niederdollendorfer Kirchleins hinzu. 1848 (nach anderen Angaben 1866) wurde diese Stiftung auf 12 Hochämter pro Jahr reduziert.
Am 1. Dezember 1772 vermachte die Witwe Theresia v. Heck der Frühmessenstiftung die Zinsen von zwei gerichtlich festgelegten Verpflichtungen zu Lasten der Eheleute Johann Perts und der Amalie geb. Krechen in Höhe von 715 Thalern sowie die Nutznießung der ihr von „Eheleuten Müller” übertragenen Güter. Aus den Zinsen flossen der Kirche jährlich 3, dem Offermann (= Küster) 2 und dem Pfarrer 1 Taler zu. Der Niederdollendorfer Pfarrer und die jeweiligen Verwandten der Stifterin, die das Weinschulengut in Besitz haben würden, hatten das Stiftungskapital zu überwachen, das letztendlich auf 2000 Taler anwachsen sollte.
Es kam in der Folgezeit zu einer überaus umfangreichen und äußerst verworrenen Rechtsauseinandersetzung um dieses Stiftkapital, besonders um den Pertzschen Anteil, die hier nicht weiter verfolgt werden kann. Als wesentlich Beteiligte sind die Pertz-Erben Reichartz, dann aber auch die Erben des Hofrats v. Weiler, die Gebrüder v. Sandt zu Köln und Berlin und der Freiherr v. Berswordt auf dem Brederhof zu nennen. Bis 1862 war diese Auseinandersetzung nicht beigelegt. Die Anzahl von 86 Heck-Stiftungsmessen allein in Niederdollendorf wurde hier 1862 auf monatlich zwei zurückgesetzt. 1893 jedoch wurde diese Reduzierung aufgrund einer Stiftung der Eheleute Ida v. Heck/Franz Plassmann (Plassmann war Kaufmann zu Köln) in Höhe von 3000 Mark wieder aufgehoben.
Unter den Niederdollendorfer Pfarrern Simar (1865-1896) und Franken (1896-1901) fanden dann wiederum an Sonn- und gebotenen Feiertagen Messen für diese Stiftung statt. Zeitweilig war ein Frühmeßner angestellt, der aus den Zinsen der Stiftungsgelder entlohnt wurde. 1773 war ein Max Vogel aus Königswinter mit der Stiftung der Witwe v. Heck betraut. 1812 findet sich ein Frühmeßner Lemmertz und 1813 einer namens Giersch (siehe dazu auch: Weltklerus i. d. Kölner Erzbistumsprotokollen). 1892 waren 45 Ar und 97 qm Land aus der Frühmessenstiftung verpachtet. 1886 wurde ein zum Stiftungsfonds gehöriger Flurbereich in den Rheinflachten zu Weg gemacht. (Es könnte sich dabei um den 1984 zur Siedlungsstraße „In den Flachten” gewordenen vormaligen Feldweg gehandelt haben). 1903 gelangte eine weitere Parzelle aus Stiftungsland an die königlich-preußische Eisenbahn zur Erweiterung der Niederdollendorfer Bahnhofsanlage (DAK N.-Dollendorf Nr. 9).
3. TeilZu einer originellen Auseinandersetzung kam es 1827- 1829, als dem Vorsitzenden des Niederdollendorfer Kirchenvorstandes, Stephan v. Berswordt, in seinem Weinkeller auf dem Brederhof ein Faß Stiftungswein auslief. Hatte sich der Baron — er war Rechtsgelehrter— wenige Jahre zuvor mit dem Niederdollendorfer Pfarrverweser Bergrath noch vehement für die Selbständigkeit der Michaelspfarrei und gegen die Vereinnahmungswünsche Oberdollendorfs eingesetzt, so kehrte er nun allen den Rücken. Seinem Kellermeister wurde eine wenig sachgemäße Lagerung im feuchten Weinkeller angekreidet. Zu einem gerichtlichen Prozeß ließen es die erhitzten Parteien indessen nicht kommen. Die Stiftung aber war ihren Wein und der Streitbare auf dem Brederhof seine Lagergebühren los (AO, Nr. 183).
Das Weinschulengut verblieb in der Linie des 1741 geborenen Johann Walter Joseph v. Heck. Er hatte drei Kinder: Maria Johann Bernhard (+ 1817), verehelicht mit Maria Catharina Blißem, ferner eine unverheiratet gebliebene Tochter Maria und eine Tochter Maria Ida. Aus der Ehe v. Heck-Blißem gingen der 1803 geborene Johann Karl Joseph, Maria Isabella, Johann Walter, Maria-Theresia, Maria Ursula und Maria Ida hervor (SAK, Sammlung v. d. Ketten). Bei der letztgenannten Maria Ida v. Heck handelte es sich offenbar um jene Ida v. Heck-Plassmann, die durch Testament vom Dezember 1887 der Niederdollendorfer Pfarrkirche eine nach ihrem Tode auszubezahlende Summe in Höhe von 3000 Talern (= 9000 Mark) mit der Verpflichtung übertrug, daß nach Abhaltung der 12 Hochämter für ihre Eltern v. Heck an den übrigen freien Donnerstagen des Jahres das Hochamt für ihren verstorbenen Ehemann Franz-Julius Plassmann und die Verstorbenen der Familien v. Heck und Blißem abzuhalten seien.
Wegen einer seit 1780 von den v. Heck, später von den Plassmann in der Niederdollendorfer Pfarrkirche besessenen Kirchenbank kam es bereits um das Jahr 1846 zu heftigen Auseinandersetzungen zwischen den eingesessenen Pfarrangehörigen und der kölnischen Familie. Ein gleiches wiederholte sich 1860. In der beengten Kirche war es zu lautem Protest und in den Gaststätten des Dorfes gar zu Drohungen gekommen. Die v. Heck waren in aller Regel nur sommers in Niederdollendorf, beanspruchten aber, daß ihre Kirchenbank jederzeit frei bleibe. Es bestand bald die Gefahr, daß die wenig zart besaiteten Niederdollendorfer die noblen Herrschaften aus der Stadt gewaltsam aus ihrer Bank zu heben drohten. So zogen die v. Heck es vor, ihren gottesdienstlichen Pflichten zeitweilig in benachbarten Kirchen Genüge zu tun. Den Niederdollendorfer Pfarrer Merzbach traf die Aufgabe, seine ruppigen Pfarr-Schäflein in einer Kanzel-Verkündigung auf die verbriefte Rechtslage hinzuweisen.
Trotzdem kam es dann um 1884 wieder einmal dazu, „daß es einem einfiel, die Familie in ihrem Stuhl zu stören” (DAK, N.-Dollendorf, Nr. 1). Nicht nur Dechant Samans in Küdinghoven, sondern auch das Erzbischöfliche Generalvikariat zu Köln mußte der aufsässigen Gesellschaft in Niederdollendorf ins Gewissen reden. Wegen wesentlicher Veränderungen, die Pfarrer Simar in den 1880er Jahren im Kirchenraum vornehmen ließ (die zum Teil verwurmte Barockausstattung verschwand und wurde durch Neugotisches ersetzt), wurde der Heck’sche Kirchenstuhl aus seiner bevorrechtigten Position, vorne in der Kirche, nach hinten versetzt. Dann hatten auch die Niederdollendorfer den Stuhl in Abwesenheit der Familie nochmals in Nutzung genommen. Prompt kam es wieder zu einem handfesten Krach, der dann 1887 endlich beigelegt wurde (PAN).
Die Grundbuchakten des königl. Amtsgerichtes zu Königswinter (N.-Dollendorf, Bd. IV Art. 124) verraten noch etwas davon, wie es bis gegen Ende des 19. Jahrhunderts und bis zum Tode der Witwe v. Heck-Plassmann im Jahre 1890 auf dem Weinschulengut zuging.
Da war zuletzt der Niederdollendorfer Winzer Peter-Paul Staffel zum Teil zur Bebauung und zum Teil als Halbwinner auf dem Gut eingesetzt. Zwischen den Geschwistern v. Heck, namentliche Isabelle, Theresa und Ida v. Heck-Plassmann - alle drei Rentnerinnen zu Köln - und dem Peter-Paul Staffel war folgendes ausgemacht: Staffel bezog zu Martinitag des Jahres 1877 (11. 11.) das den Geschwistern gehörige Gut „Auf der Weinschule”. Er erhielt daselbst unentgeltlich Wohnung im Pächterhause. Er hatte die ortsüblichen Abgaben und eventuelle militärische Einquartierungen zu tragen; wogegen die Gebäude- und Grundsteuer zu Lasten der Gutsherrschaft ging. Er bebaute den Weingarten und erhielt dafür den halben Ertrag und die Trester. Die andere Hälfte war den Herrschaften in dafür bereitgestellten Fässern abzuliefern. Als Battung erhielt er eine Ackerlandfläche, die der Größe der Rebfläche entsprach. Als Gemüsegarten fiel ihm der halbe, nördlich an das Anwesen Ammon anstoßende Bereich zu, während er die andere Hälfte unentgeltlich und nach deren Anweisungen für die Herrschaft zu bearbeiten und zu düngen hatte. Die Feldfrüchte des Gartens mußten frei ins herrschaftliche Haus geliefert werden. Alles Obst von den Bäumen auf seiner Seite, auf der Bleiche, sowie auch im Hof selbst fiel der Herrschaft alleine zu.
Staffel erhielt sämtliche Wiesen zur alleinigen Nutzung und die Hälfte des Obstes der darauf stehenden Bäume. Schließlich regelte der Vertrag, daß Staffel die Rahmen des Weingartens aus herrschaftlichem Besitz erhalten sollte, die alten Rahmen, Rebstöcke und Reisig (als Brennmaterial) ihm zufielen. Weingarten, Feld- und Wiesenstücke sowie die Büsche waren ortsgemäß zu behandeln. Dünger durfte nicht verkauft, sondern er mußte auf Gutsgrund verwendet werden. Solange die Herrschaft zwei oder drei Ziegen hielt, hatte Staffel sie zu füttern und zu melken. Dafür erhielt er pro Jahr und Ziege einen Taler und eine Pinte Land zur Bebauung. Anfang des Jahres 1890 verstarb dann die Gutsherrin, Witwe Ida Plassmann, geb. v. Heck. Es kam zur öffentlichen Versteigerung des Gutes „Auf der Weinschule” mit seinen Immobilien in Nieder- und Oberdollendorf sowie einem Flurbereich in Königswinter. Die Versteigerungsdokumente belegen, daß Ida das Gut von ihren Eltern und Geschwistern geerbt hatte. Die Versteigerung erfolgte zugunsten ihrer Erben. Da sie keine Kinder, keine pflichtteilsberechtigten Nachkommen hinterließ, floß der Versteigerungserlös an entferntere Verwandte namens Strucksberg, Bleißem und Weiß. Als Versteigerungs- Substanz war neben den Ländereien benannt: „Landhaus, Pächterwohnung, Scheune, Kelterhaus, Schuppen, Waschküche und Stall — das ganze bezeichnet ‚Weinschule’ und das Wohnhaus mit dem Recht auf einen Kirchenstuhl in der Pfarrkirche Niederdollendorf.”
Als Ankäufer nennt die Grundbuchakte (AG Königswinter,
N.-Dollendorf 138 / und AG Bad. 7 Blatt 645):
1. Die Majorswitwe Friedrich v. der Marwitz (1820-1881),
Elisabeth-Anna, geb. v. Wintzingerode,
2. Joseph Hoitz, Wirt und Ackerer zu Niederdollendorf, und
Verlobte Elisabeth Schimmel aus Niederbachem (Ehevertrag
1888).
Beide Parteien hatten gemeinsam „von den Erben der am
25. Februar 1890 zu Köln verstorbenen und zeitlebens daselbst
lebend gewesenen Rentnerin Witwe Franz Julius
Plassmann, Ida, geb. v. Heck, bei der am 5. Mai 1890 erfolgten
Versteigerung die Immobilien zum Preise von 21200,- Mark
käuflich erworben” (Kaufakt vom 30. 6. 1890). Frau Ella
v. der Marwitz und Joseph Hoitz teilten den gemeinsam angekauften
Besitz mit Hofraum und allen aufstehenden Gebäuden
dergestalt unter sich, daß Frau v. der Marwitz alle Gebäulichkeiten
zum alleinigen Besitz erhielt. Hoitz übernahm
die in Nieder- und Oberdollendorf sowie in Königswinter gelegenen
Ländereien. Als anteiligen Kaufpreis zahlte die Witwe
rd. 9330,- Mark, Hoitz den Rest.
Die 1835 zu Rüngsdorf geborene Adlige bezog alsbald, von Bonn aus, ihren neuerworbenen Landsitz in Niederdollendorf. (Die v. der Marwitz zählen It. Geneal. Handbuch d. Adels, A. Bd. 1, 1953 zum ältesten märkischen Adel. Urkundliche Ersterwähnung 1259. Wappen: In Blau ein entwurzelter, natürlicher Baumstamm mit zwei geästeten Zweigen).
Frau v. der Marwitz überließ dem bisherigen Pächter Staffel seine Wohnung auf dem Gut und schloß, gemeinsam mit Hoitz, mit Staffel einen neuen Pachtvertrag ab. Nun gehörte, nicht zuletzt auch aufgrund eines Entscheids des Königswinterer Friedensgerichtes von 1860, zum Gut „Weinschule”, solange seine Besitzer katholisch seien, der Kirchenstuhl in der Michaelspfarrkirche Niederdollendorf. Die neue Gutsherrin aber war protestantisch. 1891 kaufte ihr der Niederdollendorfer Kirchenvorstand für den Betrag von 50 Talern — oder 150 Mark — das Recht an dem immer wieder heiß umstrittenen Kirchenstuhl ab (DAK Ndd. Vol. II.).
Frau v. der Marwitz hat es allerdings nicht sehr lange auf ihrem Gütchen in Niederdollendorf ausgehalten. Ihr Sohn, Oberstleutnant Alfred Hugo Kasimir Bernd v. der Marwitz (1834-1926) lebte in Mitteldeutschland. Die Witwe starb hochbetagt am 3. Mai 1918 auf Tannenhof bei Lüttringhausen.
In der Besitznachfolge auf dem Gut erscheint nun ihr ehemaliger Mitankäufer Joseph Hoitz. Damit war der Besitz in Händen einer der wohlhabendsten Familien des Ortes. Im Mai 1894 erhielt Hoitz die amtliche Erlaubnis zum Bau einer Gast- und Schankwirtschaft (AO 790). Damit ist anzunehmen, daß er umfangreichere, einem Gaststättenbetrieb gemäße Um- und Erweiterungsbauten an den alten Gebäuden vornehmen ließ. Sinnfällig nannte er das Gasthaus „Auf der Weinschule”. Unter dieser Bezeichnung, „Op de Wingscholl”, verblieb es bis in die jüngste Zeit in der Erinnerung alteingesessener Senioren. Angelegentlich sei eingefügt, daß die Akten der Amtsverwaltung Oberkassel (Nr. 268) ein Gesuch auf Fortführung einer im Hause 66 zu Niederdollendorf geführten Gastwirtschaft vom Februar 1887 enthalten. Der 27jährige ledige Ackerer Johann Josef Hoitz beantragt, die von seinem Vater betriebene Gaststätte weiterführen zu dürfen. Er erhielt die Konzession, da nichts gegen ihn vorlag. Aber - so der Kommentar in der Akte „ein Bedürfnis ist allerdings bei dem Vorhandensein von 6 Wirtschaften in Niederdollendorf nicht vorhanden”. Offensichtlich handelt es sich hier um jenen (Johann) Joseph Hoitz, der wenig später die Weinschule, Hauptstraße 7A, später Nr. 8, übernahm.
4. TeilNicht nur die mündliche Überlieferung, sondern auch die umfangreichen Unterlagen zum Niederdollendorfer Vereinsleben bezeugen, daß die von Hoitz - genannt ‚de Hotze Bapp’ - betriebene Wirtschaft sich überaus großer Beliebtheit erfreute. Sowohl die St.-Sebastianus-Junggesellenbruderschaft wie auch die Freiwillige Feuer- und Wasserwehr hielten hier ihre Versammlungen ab. Das Haus hatte auch einige Fremdenzimmer. Um die Jahrhundertwende errichtete Hoitz auf eigenem Gelände am Rheinufer, nahe der Kribbe Höhe Kitzgasse (jetzt Godesberger Straße), einen kleinen hölzernen Andenken- und Getränkestand. Später versetzte er diese „Verkaufsbude” in den westlich seiner Weinschulengaststätte gelegenen Grünbereich. Nach mündlicher Überlieferung kaufte Hoitz auch das zwischen dem eigenen Anwesen und der nördlicher gelegenen Villa v. Ammon gelegene rote Backsteinhaus des Kölner Bankiers Rudolf Westenberg, um es dem eigenen Anwesen zuzuschlagen.
Am 11. Mai 1906, so berichten die Grundbuchakten des kgl. preußischen Amtsgerichtes zu Königswinter (Bd. IV. Art. 124), verkauften Johann Joseph Hoitz und seine Ehefrau, geborene Schimmel, ihren Besitz Hauptstraße 7A, also Hofraum mit Wohnhaus und Anbau, Hausgarten, Stall, Küche mit Vorratskammer, Scheune, Waschküche, Pissoir, 2 Aborte und Wirtschaftshalle, Schuppen und Garten in den Flachten an den Vorstand des zu Niederdollendorf bestehenden evangelischen Vereins „Niederdollendorfer Frauenhülfe”. Die Größe des Hofraumes war 38 Ar, 45 Meter nebst Gebäuden. Der Verein war repräsentiert durch die Vorsitzende Fräulein Frieda Caron, Rentnerin auf Haus Heisterberg (eigentlich „Pfaffenröttchen”), ferner durch Witwe Gustav Wiehl (Fabrikbesitzer), Frau Anna Römer, Frau Kowalszyck und dem auf dem Propsthof wohnenden Rentner Hauptmann a. D. Benno v. Gillhausen (v. Gillhausen: 1838-1911, seit 1903 in Niederdollendorf, vorher Bonn, verh. mit einer v. Witzleben, 5 Kinder).
Die Familie Caron erscheint beim Kauf des Hoitz-Anwesens als Hauptgeldgeberin. Als Kaufpreis war die Summe von 43 000,- Mark vereinbart. Im Kaufvertrag sind bereits Anbauten erwähnt, die beidseitig des Hoitz-Hauses vorgeplant waren. Bereits Joseph Hoitz hatte das Anwesen mit öffentlichem Stromanschluß versehen lassen. Es besaß eine eigene Wasserpumpe. Im Sommer 1906 fand die Besitzübernahme ihren Abschluß. Am 27. Januar 1907 fand die „Frauenhülfe” staatliche Anerkennung als „milde Stiftung”. Der Ankauf des Anwesens erfolgte durch wohlhabende evangelische Neubürger mit dem stillen Zwecke, den Protestantismus gegen das katholische Umfeld im Rheinland zu stärken. Um 1889 hatten Ober- und Niederdollendorf zusammen lediglich um die 30 evangelische Christen (AO 744). Um 1896 waren es durch die aufblühende Industrialisierung der Orte bereits über 240 (DAK, Ndd. 10). Schon 1896 war von der 38jährigen Frieda Caron und deren Mutter unter der Federführung des Benno v. Gillhausen das evangelische Waisenhaus Probsthof (vormals Oberpleiser Propsteibesitz südlich neben dem Brederhof) gegründet worden. (Frl. Caron hatte noch zwei Brüder, von denen der eine Fabrikant in Barmen mit Wohnsitz auf dem Heisterberg, der andere Bergassessor und Rittergutsbesitzer zu Ellenbach, Provinz Hessen-Nassau, bei Kassel, war).
Im Oktober 1901 wurde dann mit maßgeblicher Starthilfe durch Frieda Caron die „Dollendorfer Frauenhülfe e.V.” ins Leben gerufen. Dieser Verein befand sich für den Bereich beider Dollendorf und für Oberpleis zuständig. Die deutsche Kaiserin Auguste selbst war für die Schirmherrschaft gewonnen worden. Ziele waren vorrangig Armen- und Krankenpflege. Als weiterer Wunsch stand die Errichtung eines eigenen Gebets-Saales und schließlich einer eigenständigen Pfarre im Hintergrund. Mitglied des Vereins konnte jede protestantische Frau oder Jungfrau aus Dollendorf werden. 1904 verfügte der Verein über 64 zahlungskräftige Mitglieder. Es wurde eine Volksküche für die Ärmsten unterhalten, mit der man sich auch den Zulauf von katholischen Bevölkerungsteilen verschaffte. Dann fand man noch ein weiteres Betätigungsfeld. Ab Oktober 1905 wurde ein Heimstatt für unehelich geborene Säuglinge eingerichtet. „Man wollte das Verschulden, das uneheliche Mütter in Schande und Elend geführt, nicht verkleinern, aber in Christenpflicht die Gefährdeten auffangen, besonders in Gedanken an die schuldlosen Kleinen. Viele von ihnen sind vorbestimmt, im Trunke, Prostitution und Verbrechen unterzugehen. Sie sollen frühzeitig unter das Wort Gottes gestellt werden.” Es wurde auch als „tragisch” empfunden, daß in der sogenannten Diaspora evangelische Waisen von katholischen Familien erzogen wurden (AO 744). Die mündliche Überlieferung im Orte wußte allerdings noch ' zu berichten, daß das Heim gelegentlich auch unerwarteten Nachwuchs Prominenter aufzunehmen hatte.
Zunächst fand der Verein eine Bleibe in der Frankenstraße in Oberdollendorf. Dann wurde eine „Abteilung II”, die sich eben der Säuglinge anzunehmen vorgenommen hatte, in Niederdollendorf eingerichtet. Das Heim stand unter der Leitung einer Diakonissin, die die Bezeichnung „Hausmutter” trug. Wie vorgesehen begann die „Frauenhülfe” die ehemalige Gaststätte umzugestalten und zu erweitern. Der Bestand des Säuglingsheimes war allerdings nicht von langer Dauer. - 1909 starben dort 16 Kinder. Besonders aber 1910 wurde die Klage laut, daß die Kindersterblichkeit in diesem Hause ungewöhnlich groß sei. Es war von Krätze und Darmkatarrh die Rede. Vom 31. Dezember 1909 bis zum 19. Januar 1910 waren es allein 12 Kleinkinder, deren Todesursache dann mit Keuchhusten, Masern und Folgeerkrankungen angegeben wurde (AO 744). Die „Kinderecke” auf dem Gemeindefriedhof (südöstlicher Friedhofsbereich) füllte sich erschreckend rasch. „De Dorfsschringere woßten de Kendesärsch nett beizuschaffe! Et storften ere mih, wie’e dohin kome“, so wußte noch vor wenigen Jahren einer der alten Dorfschreiner (Heinrich Weck) zu erzählen.
Die Behörden brachten dann am 28. Februar 1910 mit dem Konkursverfahren die Aufhebung in Gang. Am 1. April gleichen Jahres wurde das Haus geschlossen. Fräulein Frieda Caron, die noch 1909 als wichtigste Darlehensgeberin erschienen war, versuchte das Haus zu retten. Die Schuldenlast belief sich auf 45000 Mark, und die übrigen Geldgeber forderten ihr Kapital zurück. Mit finanzieller Hilfe ihres Bruders Albert kaufte Frieda Caron das Anwesen - jetzt Königswinterer Straße 73-77 - am 14. Dezember 1911.
Um den Ankauf im Jahre 1911 hatte sich u. a. auch der Niederdollendorfer Pfarrer Hubert Feldhoff bemüht. Er hatte gerade den Neubau des im August 1911 geweihten neugotischen Kirchenschiffes der Pfarrkirche bewerkstelligt. „Als großes Haus mit elektrischem Licht, Gas, Wasserleitung und großem Garten” empfahl er das Anwesen seiner vorgesetzten erzbischöflichen Behörde in Köln zur eventuellen Einrichtung einer katholischen Erziehungsanstalt, eines Mädchenpensionates oder als Sanatorium (DAK Ndd., 10).
Zwar kam der Ankauf katholischerseits nicht zustande. Aber die Vorstellungen des Pfarrers hatten auch andere. Am 1. Mai 1912 konnte Frieda Caron für den Preis von 45000 Mark an die Vertretung des Verbandes der Eisenbahnervereine im Eisenbahndirektionsbezirk Elberfeld verkaufen. Der Verband finanzierte den Kauf im wesentlichen über ein zinsloses Darlehen des königl. preußischen Fiskus. In einer Festschrift zur Eröffnung eines „Eisenbahner-Erholungsheimes in Niederdollendorf am Rhein” hieß es 1912: „Das Heim liegt an der Provinzialstraße nach Königswinter inmitten eines großen, schattigen Gartens mit reichem Obstbaumbestand, begrenzt von einem am Rhein entlang führenden Promenadenweg.“ - „Das im Landhausstil erbaute Heim hat früher als Kinderhort gedient und ist unter fachkundiger Leitung mit erheblichen Mitteln in ein modernes, praktisches Erholungsheim familiären Charakters umgebaut worden.” Alle Räume waren mit elektrischem Licht, Zentralheizung und freundlichem Mobiliar ausgestattet. Eine überdeckte Glashalle im Grün des Gartens bot auch bei ungünstiger Witterung die Möglichkeit zum Aufenthalt im Freien. Es standen zwei Wannenbäder mit Brauseeinrichtung zur Verfügung. Neben dem zweiten Obergeschoß fand sich eine große; offene Dachveranda, mit Markisen gegen Zugluft und Regen geschützt. In einem ärztlichen Gutachten, das dem zwischen Villen und großen Parkanlagen gelegenen Heim ausgestellt wurde, ist vom milden Klima die Rede, das vom Frühjahr bis in den späten Herbst den Aufenthalt im Freien erlaubte. Sommerliche Hitze fand durch die Nähe des breiten Rheinstromes mit klarem, frischem Wasser Milderung. Die Luft war staubfrei. Durch die ansässigen Winzerbetriebe war im Herbst die Möglichkeit zur Traubenkur gegeben.
Die Festschrift wußte die Landschaft ringsum, den rheinischen Frohsinn und die rheinische Gemütlichkeit eines unverfälschten Menschenschlages zu würdigen — „hier, wo die letzten Reben, Felsenhäupter und trutzige Burgruinen sich in den grünen Wellen des alten Vater Rhein spiegeln.” So wurde dem Feriengast ein Aufenthalt auf einem schönen Fleckchen Erde, abseits des großen Massenzuges der Reisenden, und doch inmitten des schönsten Rheinparadieses, versprochen. Von der Dachveranda des Hauses oder aus der überdeckten Glasliegehalle im Garten boten sich weite Ausblicke auf die Berge oder die glitzernden Wellen des Rheines. Ringsum fanden sich gepflegte Wege. Es war die Möglichkeit zum Wandern, Rudern, Segeln, Fischen und Schwimmen vorhanden. Zu Wasser und per Bahn bestanden Verbindungen zum nahen Bonn oder nach Honnef hin.
5. TeilHatte der Elberfelder Eisenbahnerverein seit 1907 Gelder für die Einrichtung eines Erholungsheimes am Rhein gesammelt, so war diese Erholung 1912 mit voller Tagespension für durchschnittlich 3,50 Mark hier zu haben. Ab den 1920er Jahren besaß das Erholungsheim an der (vom Dorf aus stromaufwärts gezählt) zweiten Kribbe einen eigenen Badeplatz, der im Wasser mit Holzpfählen abgesichert war. Der Uferbereich trug hölzerne Umkleidekabinen, deren eiserne Bodenverankerungen bis in die jüngere Zeit überdauerten.
Natürlich brachte das Eisenbahner-Erholungsheim neues, buntes Leben in das kleine Niederdollendorf. Manch dörflicher Jungmann holte sich aus den Reihen der im Heim Dienst tuenden Weiblichkeit seine bessere Ehehälfte. So manches junge Mädchen aus dem Heim erschien bei den heimischen Festen in den Tanzsälen bei Meyer („Krone” am Markt) oder beim Spanjuhn (Johann-Herm. Käufer, Spitzname „Spaniol”, an der Hauptstraße), wenn die Dollendorfer Fastelovend, Fronleichnamskirmes, Michaelskirmes oder Rheinische Abende feierten. „Vell Schloot em Dorf” — war dann der Eroberungsruf in den Reihen der Junggesellen.
Im März 1934 bat der Niederdollendorfer Pfarrer Wilhelm Lersch das Kölner Generalvikariat um die Erlaubnis, in seiner Pfarrkirche eine zweite, eventuell von ihm selbst zu zelebrierende Sonntagsmesse einrichten zu dürfen. Als besonderen Grund nannte er das Eisenbahner-Erholungsheim, das inzwischen erweitert worden war und 100 Betten zählte. Der Gottesdienstbesuch war, besonders in den Sommermonaten, zu den Feiertagen, zu den Sonntagen vor Pfingsten bis zum Rosenkranzfest im Oktober, stark angestiegen. Jahre zuvor aber - kurz nach der Eröffnung der Erholungsstätte - gingen auch die düsteren Tage des ersten Weltkrieges nicht spurlos an der Einrichtung vorbei. Sie wurde (wie auch das Waisenheim Probsthof) zum Lazarett für Soldaten von der Westfront eingerichtet. Aus der Zeit vom 5. bis zum 8. September 1914 existieren noch Tagebucheintragungen einer Maria v. Bezold (1885-1960, Tochter des Bonner Professors Friedr. Gustav Joh. v. Bezold), die hier bei evangelischen Diakonissen Sanitätsdienste ableistete (Stadtarchiv Bonn). Fräulein v. Bezold hatte eine Wohnung bei dem unmittelbar nördlich des Heimes lebenden v. Ammon, der sie „nach allem eifrig ausfragte”. Die junge Maria v. Bezold tut später, 1915, weitere Lazarettdienste in Bonner Häusern, auch im umfunktionierten Collegium Albertinum.
Viel Elend sahen die kommenden Jahre auch im kleinen, beschaulichen Niederdollendorf, bis zu den Jammerbildern schließlich, die das von Westen her zurückflutende geschlagene deutsche Heer den Menschen am Rhein darbot. Das Eisenbahnerheim überdauerte die bitteren Kriegs- und Nachkriegsjahre. Die folgenden Jahrzehnte brachten Aufschwung und Blüte.
1939 wurde das Heim in die Vermögensmasse der Deutschen Reichsbahn übernommen und umbenannt in „Reichsbahn- Kameradschaftswerk, Bezirk Wuppertal e.V.” Für die ältere, eingesessene Bewohnerschaft des Dorfes bleibt die Rolle, die das „Eisenbahnerheim” - wie es weiter genannt wurde - gegen Ende des zweiten Weltkrieges spielte, in unvergeßlicher Erinnerung. Am Nachmittag des 18. März 1945 nahmen amerikanische Truppen, von Königswinter her kommend, die Rheingemeinde ein. Das Eisenbahnerheim wurde bald darauf mit US-Soldaten weißer und schwarzer Hautfarbe belegt. Die hausten dort auf eigene Art. Nun, wen wundert es, waren sie doch vom Führerbild über’m Klavier empfangen worden. Das hatte gezielte Gewehrsalven zur Folge, und kaum jemals zuvor und hiesigen Ortes hat ein Klavier wohl eine so innig-gründliche Zerlegung erfahren. Halbwegs umfaßbare Möbelstücke fanden ihren Weg nach draußen, via Fenster. In der Küche, und das war den ausgehungerten Deutschen der größte Greuel, fanden Gurken-, Marmeladen- und sonstige Krüge Verwendung für transozeanische Notdürftigkeit - alles in allem ein Bild haßerfüllter Barbarei. Was die Amis im Heim übersahen, das holten sich Einheimische, um die durch Krieg und vorausgegangenen zehntägigen Beschuß verlorengegangenen Hausstands-Habseligkeiten halbwegs zu ersetzen. Trotz einer späterhin von der Heimleitung angesetzten Hausdurchsuchungsaktion dachte kaum einer der Dörfler daran, etwas vom persönlich und unter Gefahren Geretteten wieder herauszugeben.
Das Verhältnis zwischen den „Amis” und der deutschen Bevölkerung entspannte sich sehr rasch. Manches Stück Militärschokolade oder Brausepulver in Staniolpapier fiel für die „Dorfspänz" ab. Da erfreuten sich besonders die „Schwarzen” einer unverhohlenen Sympathie. Allerdings war „Kadangs” (Angst, Vorsicht) angesagt, wenn „se besoffe wore”. Übergriffe auf einheimische Frauen waren nicht zu verzeichnen. Andererseits fanden flotte Fräuleins, die sich zu rasch „fraternisierten” bei den wenig zimperlichen Rheinländern Ihre Abfuhr als „Ami-” oder „Negerliebchen”.
Seit 1952 erscheint die Deutsche Bundesbahndirektion Wuppertal als Eigentümer des Heimes. In den 1970er Jahren wurde der Erholungsbetrieb dann aufgegeben. Nach den Veränderungen, die Niederdollendorf nach dem zweiten Weltkrieg hinnehmen mußte - eine landschaftswidrige Zersiedelung ohne jeden Stil und ohne Rücksicht auf eine zuvor als ruhig und idyllisch gepriesene Landschaft, die rücksichtslose Erweiterung der Schwerindustrie im ehemaligen Bereich der Wasserburg Longenburg und der polternde Schwerlastverkehr entlang des Heimbereiches - konnte von einer Anziehungskraft für Erholungssuchende keine Rede mehr sein. Das Haus, das dann über eine längere Zeit hin ungenutzt stand, gelangte im März 1979 an das Königswinterer Industrieunternehmen Lemmerz. Nach dem Weiterverkauf durch die Firma wurde das Heim im Oktober 1981 durch Sprengung ausgelöscht. Die Empörung in der Bevölkerung war groß.
Ein altes Wegekreuz, Zeichen religiöser Verankerung der ehemaligen Gutsherren hier und unserer Altvorderen, stand für eine Weile verwaist am Straßenrand des vormaligen Weinschulengutes. Wie ein schützender Mantel, der Altwertes nicht hergeben will, lehnte sich eine niedriggehaltene Baumkrone über das Kruzifix. Mit seinem aus dem letzten Jahrhundert stammenden gußeisernen Christuskorpus wurde es 1981 abgebaut, vom Oberdollendorfer Steinmetzen Karl Jacik sorgfältig aufgearbeitet und im Frühjahr 1983 etwa 150 Schritte weiter südlich in einem Privatgrundstück am Straßenrand wieder aufgebaut.
Möglicherweise handelt es sich um ein vormaliges Segenskreuz; zog doch die Sakramentsprozession der Michaelspfarrei zu Fronleichnam und zur Michaelskirmes in früheren Jahrhunderten bis zur Longenburg, durch Herrenhaus und Hof der Burg hindurch und über die Lohfeldergasse am Weinschulengut vorbei. Das Kreuzdenkmal, das durch frühere Lackauftragungen und durch den Auswurf der nahen Verkehrsstraße im unteren Bereich stark verwittert war, zeigt Schriftzeichen, die sich bisher jeder Deutung entzogen haben. Beidseitig des Konchenbogens finden sich die Buchstaben: ... P...B.../... M... B ... Am Kreuzfuß sind in breitgelagertem Oval die Buchstaben L und B zu erkennen. Übrigens - beherbergte der Flurbereich „In den Flachten” an jenem jüngst zur Siedlungsstraße gewordenen Feldpfad zwischen Schönsitzstraße und Propstgäßchen in Höhe des Rösing-Anwesens den Rest eines 1980 geborgenen Kreuz-Fußteiles. Es trägt die Inschrift: T. BROL / H. WALLRAF / C. I. BACHEM / 1843.
Wollte man heute die vormalige Lage des Weinschulen- Gütchens aufspüren, so fände man dort unbestelltes Areal. Auf dem nördlich anstoßenden ehemaligen Bereich Rösing ist um 1985 eine Siedlung aus Beton, Stahl und Glas entstanden, die der romantischen Beschreibung der Umgebung von 1912 kaum härter widersprechen könnte. Von den Ortsbewohnern wird sie denn auch als kantige Gegensätzlichkeit zur gewachsenen Dorfsubstanz empfunden. Natürlich gingen sie in rheinischer Manier damit um. Als „Stahlhausen”, „Klein Sing-Sing” oder unter anderen treffenden Sympathiekundgebungen machte der unverblendete Volksmund dieser „Errungenschaft” seine Aufwartung.
1993-94 entstanden an der südlichen Flanke des alten Gutsbereiches, bis an die Schönsitzstraße anstoßend, weitere Wohnblocks ähnlich ortsungebundenen Charakters. Wo in der hohen Bezeichnung „Rheinresidenz Bellevue” noch ein Bezug zur Geschichte des Bereiches liegt, weiß wohl niemand zu ergründen. Nichts ist mehr übrig vom ehemaligen Landsitz „Auf der Weinschule”: Nichts erinnert mehr daran.
Wenn ich meinen Bericht hier beende, so ist mir wohl bewußt,
daß es sich beim Zusammengetragenen nur um Stückwerk
handelt. Eben weil bei den unterschiedlichsten Aktenstudien
immer wieder Nachrichten zu diesem Flecken heimatlicher
Geschichte auftauchten, wurde zusammengefaßt.
Wollte man aber zögern, so stellt sich die Frage, wie rasch
wohl die Erinnerung an das, was sich an menschlichem Leben
hier abspielte, im Meer des Vergessens endgültig versinken
würde. [ENDE]
Quelle: Siebengebirgs-Zeitung, Januar / Februar 1995
Anmerkungen des KdHN zur Niederdollendorfer und zur Kölner "Weinschule"
Die „Weinschule“ in Niederdollendorf wird bereits von Ferdinand Schmitz in der „Mark Dollendorf“ (S. 110ff) als eine der markanten Hausanlagen in Niederdollendorf erwähnt. Hinter der Bezeichnung „Weinschule“, die zunächst an eine Anlage zur Züchtung von Weinreben nahelegt, könnte sich aber auch eine Beziehung der „Villa zur Weinschule“ mit einer ehemaligen Kölner Behörde, die ebenfalls als „Weinschule“ bezeichnet wurde, verbergen. Eine Rolle dabei könnte die Kölner Familie von Heck spielen, deren Name bereits oben als Geburtsname der Besitzerwitwe der Niederdollendorfer Villa zur Weinschule erwähnt wurde.
Der Heimatforscher und Genealoge Theo Molberg, Vorstandsmitglied im Kreis der Heimatfreunde und im Heimatverein Oberdollendorf und Römlinghoven, schreibt dazu sinngemäß:
„Johann Abraham von Heck (1695-1762) war Ratsherr, Bannerherr und Weinmeister in Köln. Er heiratete 1730 Catharina Theresia von Horn (1698-1776). Sie wohnten in Köln in der Weinschule. Die Weinschule war für den Weinhandel und dessen Überwachung zuständig. Dort gab es auch ein eigenes Weinschulengericht. Die Weinschule in Niederdollendorf war eventuell eine Art Niederlassung der Kölner Weinschule, ein Hof, der verpachtet war.
Die Bewohner (Pächter) des Hofes sind uns durch Kirchenbucheinträge seit dem 17. Jhdt bekannt:
Anton Schmitz (ca 1660 - ca 1725) oo Margaretha Pertz
(an Tochter/Schwiegersohn)
Sebastian Hoitz (1689-1766) oo Agnes Schmitz (1692-1732)
(an Sohn)
Gerhard Hoitz (1724-1802) oo Anna Maria Schmitz (1732-1801)
(an Tochter/Schwiegersohn)
Johann Thomas (1756-1793) 1.oo Catharina Theresia Hoitz (1757-1812) - und - Hermann Dahmen (1759-1832) 2.oo
( Johann Abraham von Heck und Catharina Theresia von Horn erscheinen dort auch als Paten. )“
Auch der schmale Weg „An der Weinschule“, die frühere „Oststraße“, zwischen der Hauptstraße und der Longenburger Straße in Niederdollendorf erinnert noch an die Villa „Zur Weinschule“ sowie der alte Niederdollendorfer Gewannenname „An der Weinschull“ - s. hier.
Zur Kölner „Weinschule“ siehe auch den Link: Die Weinschule – Altes Köln (altes-koeln.de)